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Ein Brief von Sarah Liebe Frau Fritsch, liebe Nicole,
nachdem nun bereits so viele Monate vergangen sind, seit ich nicht mehr bei Euch lebe, möchte ich doch auch einmal berichten, wie es mir so ergangen ist und wie es mir jetzt geht. Ich habe ja bereits ein Jahr im Katzenheim in Egelsbach gelebt, ohne dass mich jemand zu sich nach Hause nehmen wollte, und das nur, weil ich scheu und etwas unnahbar auf die Menschen reagiert habe. Das ist ja wohl auch kein Wunder, wenn man vorher mit zwei Babys im Wald ausgesetzt worden ist. Frau Fritsch und die liebe Nicole konnten leider auch meine Kleinen nicht mehr retten, was wohl auch meine melancholische Art im Katzenheim erklären mag. Eines Tages im vergangen Frühjahr, es war wohl Ende Mai, stand ein mittelalterliches Ehepaar vor der Tür der Katzenhilfe und sagte: "Wir interessieren uns für die kleine Sarah, dürfen wir sie mal besuchen?" Als sie so vor mir standen, war ich genauso wenig begeistert, wie von allen anderen Menschen und drehte erst einmal den Kopf weg vor der Hand, die mich streicheln wollte. Aber die beiden hatten damit kein Problem und sagten, sie würden mir viel Zeit lassen zum Eingewöhnen. Einen Transportkorb hatten sie auch schon dabei, so sicher waren sie sich ihrer Sympathie für mich. Na ja, ich fügte mich also in mein Schicksal, ließ mich von Nicole in die Box setzen und ab ging es mit dem Auto nach Frankfurt. In meinem neuen zukünftigen Heim angekommen, wurde ich erst einmal ins stille Schlafzimmer gestellt, die Tür der Box geöffnet und schwupp die wupp verschwand ich unter dem Kleiderschrank und brachte mich in Sicherheit. Alles war so anders und neu, es roch sogar noch nach einem anderen Katzentier, aber zu sehen war keins. Später erfuhr ich, dass der geliebte Kater der Familie zwei Monate vorher verstorben war und natürlich roch mein feines Näschen ihn doch noch, obwohl versucht worden war, alle Spuren und Gerüche zu beseitigen. Ich war jedoch noch überhaupt nicht gewillt, Menschen gegenüber zuvorkommend oder schnurrig zu sein. Unter dem Schrank heraus traute ich mich nur Nachts, dann schlich ich in die Küche, wo immer feines Fressen und ein Schälchen Katzenmilch auf mich warteten. Ich stillte meinen Hunger, ging auf mein Katzenklo und suchte mir schleunigst einen neuen Unterschlupf zum Verstecken. Schlau wie ich bin, wechselte ich fast täglich, einmal versteckte ich mich im Bücherregal, dann hinter der Waschmaschine, unter dem Bett, manchmal suchten sie mich völlig vergebens. Aber diese Menschen bedrängten mich überhaupt nicht, Frauchen redete ganz lieb mit mir, obwohl sie mich überhaupt nicht sehen konnte, weil ich doch versteckt war. Zu allem Übel machte mir mein entzündetes Zahnfleisch durch die ganze Aufregung und den Stress wieder sehr zu schaffen. Von Tag zu Tag wurden die Schmerzen schlimmer, das Fressen zur Qual. Irgendwann sagte Frauchen: "Das geht so nicht mehr, die Homöopathie stößt hier an ihre Grenzen. Wir gehen zum Tierarzt." Das war leichter gesagt, als getan, ich wollte mich partout nicht anfassen lassen. Es kam zu dramatischen Jagdszenen quer durch die ganze Wohnung. Am Ende gab Frauchen auf und auch ich, wir saßen zitternd vor Aufregung jeder irgendwo in einer Ecke. Aber es musste sein. Ich konnte jetzt gar nicht mehr fressen und trank nur noch ganz wenig Katzenmilch, auch das feine weiche Astronautenfutter vom Tierarzt half nicht mehr, ich hatte nur noch Schmerzen im Maul. Frauchen hat mich dann eines Tages einfach überlistet, meine Verstecke verbaut, den Transportkorb schon geöffnet in der Badewanne hinter dem Duschvorhang versteckt und mich blitzschnell einfach von oben gegriffen. Ab in den Korb, ab zum Tierarzt, ehe ich mich versah. Es war schrecklich. Kein Entrinnen mehr möglich. Die Tierärztin war eine sehr liebe Person, die selbst vier Katzen zu Hause hat, von denen zwei auch Probleme mit den Zähnen hatten. Sie gab mir erst einmal eine Spritze gegen die Entzündung und versuchte gar nicht erst, mir mit den Händen an mein wehes Mäulchen zu fassen. Mit 10 Beuteln Astronautennahrung ging es wieder nach Hause. Das Zeug wird mit etwas warmem Wasser angerührt und hat viel mehr Kalorien als normales Katzenfutter. Nach zwei Tagen war die Entzündung in meinem Mäulchen schon zurückgegangen und der Hunger trieb mich, immer noch ausschließlich Nachts, zum Futter, das ich heißhungrig verschlang. Frauchen war glücklich und wir dachten, jetzt ist wenigstens das mit dem Fressen in Ordnung. Aber es kam immer schlimmer. Nach drei Wochen fing die Entzündung des Zahnfleischs wieder an schlimmer zu werden. Ich verstand die Welt nicht mehr, war überhaupt nicht ansprechbar, versteckte mich immer noch in den letzten Winkeln der Wohnung. Wieder ging es zum Tierarzt, wieder gab es eine Spritze, wieder war nach zwei Tagen Besserung eingetreten, wieder wurde es nach drei Wochen wieder schlimmer. Das ging so über den ganzen Sommer hin und her. Interferontherapie wurde überlegt, das kostet sehr viel Geld. Die Ärztin sagte irgendwann zu Frauchen: "Ich schlage vor, wir ziehen Sarah die Zähne, das habe ich auch bei meinen Katzen gemacht, die so entzündetes Zahnfleisch hatten, und denen geht es jetzt gut." Oh Gott, was für eine Vorstellung, eine Katze ohne Zähne!!! Frauchen bat um Bedenkzeit. Sie sprach ein paar Tage später darüber mit ihrem Bruder und der sagte: "Klar, lass das machen. Unser Kater "Turbo" hat schon vor 9 Jahren dasselbe Problem gehabt. Er wäre fast verhungert und war mager wie ein Zaun. Nachdem die Zähne aus dem entzündeten Maul entfernt worden waren, wurde er rasch gesund und heute ist er ein propperer wohlgenährter Kater." Das stimmte, sagte Frauchen, ich kenne ja den dicken Turbo, er ist ein lebensfroher Geselle. Na ja, was soll ich sagen. Sie haben es getan. Eine Narkose war noch das Harmloseste an der ganzen Sache. Mir war so speiübel beim Aufwachen, Fäden waren in meinem Mäulchen zu spüren. Ich sabberte wie eine Hundertjährige und torkelte durch die Wohnung. An diesem Abend ließ ich sogar zu, daß Frauchen mich zu sich auf den Schoß setzte und mich streicheln durfte. Aber wie das so ist, Katzen sind zäh. Von Tag zu Tag ging es mir besser. Ich konnte nach vier Tagen sogar weiches Futter fressen und auch Katzenmilch schlabbern. So wie die Fäden in meinem Mäulchen sich auflösten, so machte mein Wohlbefinden Fortschritte. Ich war froh, dass ich ohne Schmerzen fressen konnte. Auch Frauchen schaute ich nicht mehr so verstört an – vorher hatte ich sie irgendwie immer mit den Schmerzen in Verbindung gebracht, glaube ich fast. Ab und zu durfte sie mir über den Rücken streicheln, wenn sie mein Futterschüsselchen hinstellte. Mehr aber auch nicht. Und auf ihren Schoß wollte ich auch nicht mehr. So ca. im November geschah dann etwas, ich weiß eigentlich auch nicht so richtig, was mit mir los war. Auf der Fensterbank im Wohnzimmer hat Frauchen für mich ein weich gepolstertes Eckchen eingerichtet, auf dem ich gerne mein Schläfchen halte. Unter den Schränken war ich schon längst nicht mehr verschwunden, durch meine Gewichtszunahme war das auch mittlerweile etwas schwierig geworden, obwohl ich immer noch eine schlanke Schönheit bin. Frauchen setzt sich dort gerne auf einen Sessel und liest bei Kerzenlicht. Eines Abends flüsterte mir wohl irgend so ein Engelchen mit vier Pfoten zu: "Versuch es doch einmal!" Langsam pirschte ich mich auf der Armlehne des Sessels von der Seite an Frauchen heran und legte meine linke Vorderpfote auf ihr Knie. Gleichzeitig sah ich sie von der Seite fragend an: "Darf ich da mal...?". Frauchen redete ganz leise und lieb zu mir und strich mir leicht über den Rücken. Das Eis war gebrochen, schnurrend rollte ich mich auf ihrem Schoß zusammen. Es war wundervoll. Wir waren beide glücklich. Ich bearbeitete ihre Knie tretelnd mit meinen Krallen, aber sie traute sich nicht, einen Mucks von sich zu geben, aus Angst, dass ich dann wieder flüchte. Aber mit flüchten ist jetzt nicht mehr. Sobald sie sich auf den Sessel setzt bin ich zur Stelle und schlafe in ihren Armen ein. Dann, kurz vor Weihnachten, wagte ich den nächsten Schritt. Im Bettchen mit Frauchen schlafen, was wär’s doch! In einer dunklen Nacht wage ich es. 4.15 Uhr in der Früh schleiche ich an die Schlafzimmertür, etwas Kratzen, ein klagendes "Miau, Miau". Schon ist sie auf den Beinen, denkt es ist etwas mit mir nicht in Ordnung. Aber nein, der Trick war gut. Ich spaziere ins Schlafzimmer, springe aufs Bett – und darf selbstverständlich bleiben. Ach, das Leben ist so schön. Mir geht es so gut, es gibt keine lauten Kinder, keine Hunde, keine laute Musik. Ein Balkon zum in der Sonne dösen ist auch vorhanden. So mag ich das. Etwas muss ich noch erzählen. Wir, das heißt Frauchen und ich, trainieren für die Fußball WM. Ja, ich bin eine erstklasssige Spielerin geworden. Wir nehmen einfach zusammengeknüllte Papierbällchen, sie spielt mir diese zu. Ich verfehle nie eins, und schlage es unglaublich treffsicher auf Frauen zurück. So geht es durch die ganze Wohnung, bis wir keine Puste mehr haben. Das geht auch mit Fellmäuschen, aber Papier knistert so schön und ich kann mit meinen drei mir noch verbliebenen Reißzählen herzhaft in sie hineinbeißen. Es gibt auch ein Herrchen, aber das lasse ich noch ein wenig zappeln. Bis jetzt darf es mir zwar Futter geben und auch über den Rücken streicheln gestatte ich gnädig. Doch auf den Schoß springe ich ihm nicht – noch nicht. So, das war so meine Geschichte des vergangen Jahres. Und es ist alles gut. So wie es jetzt ist, soll es bleiben. Eure Sarah |